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Su Reiter
Autor: Su Reiter
Studentin und freiberufliche Content Strategin

Obwohl die Wissenschaft seit Jahren die Vorteile des visuellen Lernens betont, konnte ich während der gesamten Zeit meines Jurastudiums in keinem einzigen Lehrbuch, in keinem Skript und in keiner Übersicht eine visuelle, farbliche Darstellung finden. Alles, was den Studenten seit dem ersten Semester zur Verfügung steht, sind Texte, Texte, Texte.“– ungefähr so ärgerte ich mich neulich über fehlende Visualisierungen in der juristischen Literatur. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass die Diskussion rund um Rechtsvisualisierung so hohe Wellen schlagen würde.

 

Innerhalb weniger Tage füllte sich mein Postfach mit unzähligen Meinungen von Richtern, Studenten, Anwälten, IT-Experten und Grafikern. Alles drehte sich um die Frage, ob die visuelle Darstellung von juristischen Inhalten überhaupt sinnvoll (oder vielleicht sogar notwendig) ist. Mit steigenden Interaktionszahlen unter meinem Beitrag erkannte ich die Themenrelevanz, die sich hinter meiner eigentlich harmlosen Veröffentlichung verbarg.         

 

 

1. Wie Visualisierungen unsere Hirntätigkeit verbessern

Seitdem ich denken kann, habe ich Visualisierungen geliebt. Denn schon im Kindesalter werden uns liebevoll gestaltete Märchenbücher unter die Nase gehalten und wir wachsen mit der Erwartung auf, dass sich das Erwachsenenleben genauso abspielt wie bei den animierten Illustrationen in Disneyfilmen. Zu den ersten Dingen, die wir im Kindergarten und in der Grundschule lernen, gehört das Lernen der grundlegenden Farbbezeichnungen und das Erkennen gewisser Formen.

 

Im Laufe unserer Schulzeit ist der Kunstunterricht ein fester Bestandteil unseres Stundenplans. Und dann – hört es auf einmal auf. Wenn man sich nicht gerade für ein Designstudium oder eine Grafikerausbildung entscheidet, beginnt ab diesem Zeitpunkt eine Lebensphase, in der der Visualisierung keine bedeutende Rolle mehr zukommt.

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Dabei ist Zeichnen, Malen oder Skizzieren soviel mehr als eine bloße Freizeitbeschäftigung. Wer in der Lage ist, komplexe Sachverhalte in einfache Skizzen umzuwandeln, stellt eine herausragende Abstraktionsfähigkeit unter Beweis. Und überhaupt ist kreatives Arbeiten nicht nur eine schöne Ergänzung zu kognitiven Tätigkeiten, sondern auch relevant für unsere geistige Weiterentwicklung.

 

Unser Gehirn besteht – grob vereinfacht – aus zwei Gehirnhälften, die in unserem Alltag verschiedene Eindrücke und Tätigkeiten verarbeiten. Während die linke Gehirnhälfte vorwiegend für Sprache und Logik zuständig ist, findet in unserer rechten Gehirnhälfte das kreative Denken statt. In unserem heutigen Arbeitsleben verwenden die meisten von uns vorwiegend ihre linke Gehirnhälfte, um Prozesse zu analysieren, Algorithmen zu entwickeln oder sich verbal auszudrücken. Auch das Lesen und Schreiben im Jurastudium fällt unter diese Kategorie.

 

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Die Lernforschung appelliert mit ihren Ergebnissen jedoch seit Jahren dazu, die verschiedenen Kanäle des Gehirns zu nutzen, um ein besseres Lernergebnis zu erzielen. Anstatt sich also der überholten Lehre von den Lerntypen entsprechend auf einen Kanal – zum Beispiel dem Lesen, Hören oder Sprechen – zu konzentrieren, ist es aus wissenschaftlicher Sicht zielführender, möglichst viele Kanäle in den Lernprozess zu involvieren. Wer nicht nur Karteikarten liest, sondern diese auch laut ausspricht, sie anschließend jemandem erklärt, sich am nächsten Tag einen Podcast oder ein YouTube-Video zum selben Thema anhört und die einzelnen Probleme in eigenen Worten schriftlich zusammenfasst, wird langfristig einen größeren Lernerfolg haben als jemand, der sich die Inhalte lediglich durch das Lesen aneignet.

 

2. Die Schnittstelle zwischen Recht und Visualisierung

Aber was hat all dies mit Rechtsvisualisierung zu tun? Nun, ich kehre zurück zu meiner Ausgangsfrage. Warum sind sämtliche Lernmaterialien ausschließlich in Textform verfasst, wenn ergänzende Illustrationen und Sketches nicht nur den Lernerfolg steigern und den Spaß am Lernen fördern, sondern auch das komplexe materielle Recht gerade für Studenten leichter zugänglich machen würden? Diese Diskussion berührt im Übrigen nicht nur das Schicksal vieler Jurastudenten, sondern auch den Zugang zum Recht, das Erklären juristischer Probleme und Zusammenhänge sowie das Formulieren von Antworten an Nichtjuristen.

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Insbesondere erfordert das digitale Zeitalter, nicht nur aus technologischer, sondern auch aus gesellschaftlicher Sicht ein Umdenken, sodass über Themen wie Design Thinking oder Legal Design gesprochen werden muss. Denn auch wenn sich die Lehre zur Umsetzung der Digitalisierung besonders viel Zeit zu nehmen scheint, lebt der Jurastudent als Teil der Generation Y (und bald auch schon der Generation Z) bereits ein weitgehend digitalisiertes Leben und bedient sich einer Vielzahl von digitalen Lernmethoden.

 

3. Digitale Software, hilfreiche Tools und einfache Weblösungen: Rechtsvisualisierung in der Praxis

Die Möglichkeiten sind im Zeitalter des Internets unendlich groß. Während Medizinstudenten in den USA seit Jahren auf der Videoplattform YouTube ihre bunten Anatomiezeichnungen auf dem iPad präsentieren, lernen viele Studenten fächerübergreifend mit digitalen Karteikarten, zum Beispiel durch das webbasierte Tool Buffl.

 

Auf MindMeister lassen sich in Sekundenschnelle übersichtliche Mindmaps erstellen, die nicht nur visuell ansprechend sind, sondern auch das vermitteln, was im Jurastudium als wichtigste Eigenschaft hervorgehoben wird: das Systemverständnis. Und das sind nur einige Beispiele von vielen Tools, die tagtäglich von Millionen von Digital Natives genutzt werden.

 

Sich beim Skizzieren bestimmte Farben, Formen oder Muster einzuprägen, steigert nicht nur die Erinnerung an umfangreiche Meinungsstreitigkeiten, sondern setzt auch eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesen voraus. Wer dem entgegenhält, dass Zeit in der Examensvorbereitung eine knappe Ressource darstellt, sollte sich vor Augen führen, dass gerade Sketchnotes und andere visuelle Gestaltungen beim Wiederholen Zeit sparen können.

 

Das Gedächtnis ist in der Lage, sich bestimmte Kernaussagen viel besser zu merken, wenn mit ihnen eine bestimmte grafische Darstellung verbunden war – Zweifler können diese These gerne selbst einmal auf die Probe stellen, um sich anschließend von dem Lerneffekt überzeugen zu lassen

 

4. Fazit

Die Visualisierung von Recht kann als bewusst eingesetzte Lerntechnik neben der Rezeption von Gesetzestexten und Rechtsliteratur den Lernerfolg steigern. Die Fähigkeit, sich gestalterisch einem Rechtsproblem zu widmen, fördert nicht nur die Tätigkeit der wenig genutzten rechten Gehirnhälfte, sondern steigert auch die Abstraktionsfähigkeit, die für einen erfolgreichen Juristen unerlässlich ist.

 

Schon heute stehen Studenten und Praktikern eine Vielzahl geräteübergreifender Tools zur Verfügung, die Rechtsvisualisierung nicht nur in kürzester Zeit und ohne Designvorkenntnisse ermöglicht, sondern auch zu einer besseren Kommunikation zwischen Juristen und Nichtjuristen beiträgt.